Rot-Grün-Schwäche
Die Rot-Grün-Schwäche zählt zu den angeborenen Farbsinnstörungen, von welchen 8% der Männer betroffen sind. Bei 0.4 % der Frauen ist eine angeborene gestörte Farbwahrnehmung vorhanden. Ein Großteil der Störungen der Farbwahrnehmung ist von Geburt an vorhanden, betreffen beide Augen gleichermaßen und ändern sich im Laufe der Zeit nicht. Die Vererbung erfolgt rezessiv geschlechtsgebunden. Die männliche Bevölkerung ist weitaus häufiger betroffen als die weibliche.
Die Grünschwäche kommt dabei bei 50% der Betroffenen und damit am häufigsten vor. 25% der Betroffenen leiden an einer Grünblindheit, 15% an einer Rotblindheit und 10% an einer Rotschwäche. Eine vollständige Farbenblindheit sowie Einschränkungen im Bereich der Blau-Gelb-Sinnes kommen hingegen nicht so oft vor. Mit Farbsinnstörungen wie der Rot-Grün-Schwäche geht üblicherweise keine Visusminderung einher, wobei die totale Farbenblindheit eine Ausnahme darstellt.
Angeborene Farbsinn-Defekte wie die Rot-Grün-Schwäche bleiben von den Betroffenen häufig unbemerkt. Viele berufliche Tätigkeiten, wie die des Chemikers, Malers oder Elektrikers kommen für Betroffene nicht in Frage. Auch das Steuern von Flugzeugen, Schiffen, Straßenbahnen sowie Taxis ist aufgrund der fehlerhaften Farbwahrnehmung ausgeschlossen.
Farbwahrnehmung
Bei Zapfen und Stäbchen handelt es sich um die lichtsensiblen Sehzellen der Netzhaut. Sie werden auch als Pigmentrezeptoren oder Photorezeptoren bezeichnet.
- Die Zapfen sind hauptsächlich in der Mitte der Netzhaut gelegen und für das Sehen bei Tag zuständig und habe eine zentrale Rolle beim Wahrnehmen von Farben. Es werden drei Arten von Zapfen bzw. Farbrezeptoren unterschieden. Die Zapfen enthalten drei unterschiedliche Arten des Farbpigments Iodopsin. Diese Sehpigmente sind für Rot, Grün und Blau-Violett empfindlich.
- Weiters außen gelegen sind die Stäbchen, welche zwischen Helligkeiten unterscheiden können und vordergründig für das Sehen bei Dämmerung und Wahrnehmen bei Nacht verantwortlich sind. Von diesen Photorezeptoren gibt es 127 Millionen, 7 Millionen davon sind Zapfen und 120 Mio. davon Stäbchen.
Elektromagnetische Schwingungen, einfallendes Licht unterschiedlicher Wellenlängen (im Bereich zwischen 380nm und 780nm), lösen eine Farbwahrnehmung aus, indem sie die Zapfen anregen. Fotorezeptoren können auf kurzwelliges, mittelwelliges sowie langwelliges Licht ansprechen. Die Signale werden ans Gehirn weitergeleitet, wo diese gemischt werden und zu einem farbigen Gesamteindruck kombiniert werden. Nicht alle Personen sehen deshalb Farben vollkommen gleich.
Ein Normalsehender, bei welchem keine Rot-Grün-Schwäche vorliegt, wird auch als „Trichromat“ bezeichnet. Bei diesen Menschen arbeiten die Zapfen korrekt zusammen. Trichromate können eine Vielzahl an Farben sehen, indem die Basisfarben der drei farbsensiblen Sehsubstanzen der Zapfen gemischt werden.
Überblick
- Bei der Rotblindheit (Protanopie) wird Rot nicht wahrgenommen weil die L-Zapfen fehlen (bei ca. 1% der Männer). Das Seh-Pigment für langweiliges Licht ist also nicht vorhanden bzw. funktioniert nicht. Betroffenen fällt es schwer, Bremslichter von anderen Autos rechtzeitig oder überhaupt zu identifizieren. Dazu kommt die Rotschwäche (Protanomalie) bei 1 % der Männer. Dadurch treten Verwechslungen von Rot mit Gelb, Braun mit Grün, Violett mit Blau und Dunkelrot mit Schwarz auf.
- Bei der Grünblindheit (Deuteranopie) wird Grün nicht wahrgenommen weil die M-Zapfen fehlen (bei ca. 1% der Männer). Das sind die Zapfen, welche insbesondere für mittelwelliges Licht empfindlich sind. Dazu kommt die Grünschwäche (Deuteranomalie) bei 5 % Männer und 0,4 % Frauen. Mit Ausnahme der Dunkelrot-Schwarz-Verwechslung die gleichen Probleme wie bei der Rotblindheit.
- Bei der Blaublindheit (Tritanope) wird Blau nicht wahrgenommen weil die S-Zapfen fehlen, kommt bei drei Menschen von 100.000 vor. Das Zapfenpigment, welches besonders auf kurzwelliges Licht anspricht, fehlt. Es treten Verwechselungen Rot mit Orange, Blau mit Grün, Grüngelb mit Grau sowie auch Violett und Hellgelb mit Weiß auf. So ähnlich sehen auch die meisten Säugetiere wie Hunde, Katzen und Ratten.
Risikogefahr – Rot-Grün-Schwäche oder Farbenblinde?
Betroffene, welche an einer Rot-Grün-Schwäche leiden, stellen ein geringeres Risiko als Farbenblinde dar. Rotblinde neigen eher dazu, ein rotes Licht im Straßenverkehr zu übersehen, als dies bei Grünblinden der Fall ist.
Anomale Trichromaten (Rot-Grün-Schwäche)
Personen mit einer Rot-Grün-Schwäche verwechseln die beiden Farben, wenn die Umstände nicht optimal sind, beispielsweise wenn eine wetterbedingte eingeschränkte Sicht vorliegt oder diese schnell mit dem Auto unterwegs sind. Rot-Grün-Schwächen betreffen Männer häufiger. Meistens wird diese von Müttern an Söhne weitergegeben. Eine Therapie steht nicht zur Verfügung.
Berufliche Tätigkeiten wie Polizist, Pilot, Buslenker, Maler sowie Straßenbahnlenker kommen nicht in Frage. Das private Lenken eines PKWs ist aber im Gegensatz zum professionellen Transport von anderen Personen grundsätzlich möglich. Es liegt jedoch an den Betroffenen, dabei eine hohe Konzentration an den Tag zu legen und sich der eigenen Einschränkung stets bewusst zu sein.
Ursachen der Rot-Grün-Schwäche
Bei einer Farbsinnschwäche wie der Rot-Grün-Schwäche sind grundsätzlich alle drei Zapfenarten vorhanden, jedoch geht mit dieser einher, dass die chemische Struktur der Sehpigmente leicht verändert ist.
Die Empfindlichkeitsareale der Sehpigmente überschneiden sich zwar grundsätzlich. Bei einer Rot-Grün-Schwäche kommen sich die Empfindlichkeitskurven der beiden Sehpigmente, welche für mittelwelliges und langwelliges Licht empfindlich sind, jedoch noch deutlich näher. Rot und Grün könne nicht mehr so einfach getrennt werden. Dies hat zur Folge, dass die Farben leicht vertauscht werden können.
So nähert sich beispielsweise bei einer Rotsehschwäche die Empfindlichkeitskurve der Rot-Zapfen wesentlich der Empfindlichkeitskurve der Grün-Zapfen an. Das Empfindlichkeitsspektrum wird also insgesamt eingeschränkt.
Farbenblindheit
Bei Farbenblinden fehlt (im Gegensatz zur Rot-Grün-Schwäche) ein Zapfentyp, es liegen also lediglich zwei verschiedene Typen von Farbrezeptoren in der Netzhaut vor. Es wird lediglich mit zwei Farben gesehen und anhand dieser zwei Zapfenarten ein gesamtes Farbbild generiert. Protanope (Rotblinde) und Deuteranope (Grünblinde) haben gemeinsam, dass Grün und Rot verwechselt werden.
Vollständig farbenblind – Wenn nur mehr grau gesehen wird
Unter einer völligen Farbenblindheit oder einem atypischen Monochromatismus leiden fünf Menschen von 100.000. Die totale Farbenblindheit (Monochromasie) führt dazu, dass statt der Farben verschiedene Töne von grau wahrgenommen werden. Es können also lediglich Helligkeitsabstufungen unterschieden werden.
Dies ist darauf zurückzuführen, dass 2 der 3 Farbpigmente nicht vorhanden sind oder diese vollständig fehlen. Ist eine Person völlig farbenblind, ist dies häufig eng mit einer Kurzsichtigkeit oder Hornhautverkrümmung gekoppelt. Betroffene müssen auch häufig einen Teil ihres Sehvermögens eingebüßen.
Ist eine Person total farbenblind, werden weiters folgende Symptome vernommen.
- Die Fixation, das Vermögen, einen Gegenstand gerade aus und gezielt anzusehen, ist nicht mehr vorhanden.
- Die Sicht ist bei Tag nicht mehr so scharf ausgeprägt, sondern auf ein Zehntel der ursprünglichen Sehvermögens reduziert. Bei Dämmerung hingegen ist der Visus normal.
- Weiters liegt ein Zentralskotom vor, das Sehen in der Mitte des Gesichtsfeldes ist nicht mehr problemlos möglich.
- Auch klagen Betroffene häufig über ein Augenzittern, welches sich durch ruckartige und unkontrollierbare Augenbewegungen kennzeichnet.
- Um der wahrgenommenen Lichtempfindlichkeit entgegenzuwirken, müssen Betroffene auf Lichtschutzgläser zurückgreifen.
Erworbene Farbsinnstörung
Eine gestörte Farbwahrnehmung, welche wie die Rot-Grün-Schwäche angeboren ist, wird auf beiden Augen beobachtet. Erworbene Einschränkungen des Farbsinns hingegen können auch nur ein Auge betreffen. Die Ursachen dafür sind vielfältig:
- Erkrankte Netzhaut (Makuladegeneration) oder Sehnerv (Entzündung, Schwund)
- Katarakt
- Glaukom
- Gifte, Medikamente
- Schädliche Umwelteinflüsse
Rot-Grün-Schwäche Bild-Vergleich
Eine Rotblindheit (Protanopie) wird dem nachfolgenden Bildvergleich entnehmbar von Betroffenen wie an der oberen Bildhälfte ersichtlich wahrgenommen.
Rot-Grün-Schwäche Test – So wird sie erkannt
Ein Rot-Grün-Schwäche Test kann anhand verschiedener Verfahren erfolgen.
Farbtest Farnsworth
Farbschwächen lassen sich mit dem Farnsworth Test sehr genau differenzieren. Der Test enthält 4 Reihen mit insgesamt 85 herausnehmbaren Farbchips, die das komplette Farbspektrum umfassen. Durch das folgerichtige Einsortieren der Farbkästchen in der Reihenfolge des Farbtones (Hue), können Farbsehfehler schnell erkannt werden.
FM 100 Hue Test hier als Online Test
Hier kann man einen Farbtest absolvieren, der unter Berücksichtigung des Alters die Fähigkeit zur Farberkennung misst. Hierzu muss man einfach die Skala der Farbtöne per Drag + Drop korrekt vervollständigen. Der erste und der letzte Farbblock sind fixiert und sind der Anfangs- und Endpunkt. Am Ende muss man alles abspeichern und erhält dann die Auswertung. Je geringer der Ausgabewert ist, umso besser hat man die Aufgabe gelöst und umso besser sind auch die Augen.
Farbtafeln nach Ishihara
Mit den presudoischromatischen Tafeln steht ein bewährtes und ohne viel Aufwand durchzuführendes Test-Verfahren zur Vergügung, um weit verbreitete Rot-Grün-Schwächen zu erkennen. Solche Test sind aber weniger für die Erkennung von Störungen der Blau-Gelb-Wahrnehmung konzipiert.
Beim Test mittels Ishihara-Tafeln kommen spezielle Farbtafeln zum Einsatz, welche sich aus einer Menge von bunten Kreisen zusammensetzen. Darauf sind Zahlen oder geschlungene Linien abgebildet, die es zu erkennen gilt. Dafür werden bis zu 38 unterschiedliche Ishihara-Farbtafeln herangezogen. Um Aufschluss über die genaue Art der Farbschwäche zu erhalten, ist eine Überprüfung anhand einer Vielzahl von Farbtafeln notwendig, für eine grundlegende Vor-Untersuchung sind jedoch weniger ausreichend.
Den PatientInnen werden die Farbtafeln auf einem oder beiden Augen mit einem Abstand von 75 cm vorgeführt. Auf einigen der Tafeln gelingt es nur den Normalsehenden etwas zu identifizieren, auf anderen Bildkarten hingegen lediglich den Farbschwachen. In anderen Fällen sind für den Normalsehenden und den von einer Farbschwäche Betroffenen auf ein und derselben Tafel verschiedene Zahlen ersichtlich.
Gelingt es den PatientInnen nicht, bei diesem Rot-Grün-Schwäche-Test in drei Sekunden die richtige Zahl zu nennen, wird dies als Fehlversuch gewertet. Die Gesamt an Fehlversuchen lässt Rückschlüsse auf den Typ und Schweregrad der Farbsehschwäche zu.
Lesenswertes
Quellen
1. Franz Grehn. Augenheilkunde. Springer Medizin Verlag Heidelberg. 2008
2. Matthias Sachsenweger. Augenheilkunde. George Thieme Verlag. 2003
3. Holger Dietze. Die optometrische Untersuchung. Georg Thieme Verlag, 13.05.2015
4. Birgit Hartmann, Wolfram Goertz. Arbeitsplatz Augenpraxis: Wissen für die medizinische Fachangestellte. Springer-Verlag, 22.08.2019
5. Birgit Hartmann, Wolfram Goertz. Augen-Sprechstunde: – Was Ihre Beschwerden bedeuten – Die richtige Therapie für Sie – Wie Sie Augenkrankheiten vorbeugen. Springer-Verlag. 16.06.2011
6. Xaver Baur. Arbeitsmedizin. Springer-Verlag. 22.10.2013
7. Elmar Oestreicher. HNO, Augenheilkunde, Dermatologie und Urologie für Pflegeberufe. Georg Thieme Verlag, 2003
8. Bernhard Lachenmayr. Begutachtung in der Augenheilkunde. Springer-Verlag. 09.12.2012
9. Dipl.-Ing. Peter Bühler, Dipl.-Ing. Patrick Schlaich, Dominik Sinner. Digitale Farbe – Farbgestaltung – Colormanagement – Farbverarbeitung. Springer Berlin Heidelberg. 2018